Tag 2: Saint-Jean-Pied-de-Port

mittelmässige nacht hinter mir. der hostel vibe par excellence im prinzip hier, auch wenn etwas gemächlicher als sonst. ein paar backpacker*innen. surfer*innen. stadttouristen. von allem ein wenig. eine dame guten älteren alters war die ganze zeit über draussen und war gefühlt den ganzen abend lang damit beschäftigt, sich einen joint zu drehen. zumindest in den paar malen, als ich ein und ausging gestern abend turtelte sie ständig an ihrem langem blättchen rum. hab sie heute morgen nicht mehr gesehen.

kurzentschlossen dann gleich nach dem frühstück mein handy flicken lassen. wollte das in zürich schon machen aber da war es mir zu teuer. hier kriegte ich es für die hälfte. der junge mann versprach mir das ding in einer stunde zu flicken aber als ich nach dem käffchen zurück kam schien er noch nichts angefasst zu haben seinem erschrockenen blick nach. „dix minutes monsieur“ meinte er nur. nochmals draussen kurz gewartet. alles tiptop. fühlt sich wie ein neues handy an mit neuem display. mal schauen ob der neue akku auch wieder länger hält.

auf dem weg im bus nach biarritz dann die schlechten nachrichten. silvana schien ganz aus dem häuschen zu sein wegen der wohnung. und das nicht im guten. sie meinte sie hätte wäre erschrocken beim

anblick des kühlschranks und der küche und die flächen mit bücher wären noch überstellt. man hätte gemerkt dass ich schnell aufgebrochen wäre. nicht unwahr meine liebe. bekam ein ganz schlechtes gefühl und noch ein schlechteres gewissen. immer, wenn man solch angriffige nachrichten auf digitalem weg erhält. fühle mich dann jeweils so machtlos die situation nicht klären zu können. kenne dieses gefühl gar nicht bei konfrontationen im physischen sinne. da ist das gefühl anders. schon komisch. ob ich wohl der einzige bin der so empfindet? zurück zur wohnung und silvana: ich kann jetzt nicht viel machen. ausser mich dafür aufregen über die situation, dass ihr hygienestandart deutlich über meinem ist und dass ihr zorn über mich wohl gross ist und ich zu wenig investiert habe. michi im juli nahm es scheinbar entspannter, war aber auch nur zwei wochen drin. ist mir nichts neues im prinzip, dass ich hier tieferen standart habe. macht es nur sehr schwer, zu wissen, wann genug geputzt und aufgeräumt ist. ich sehe es ja wirklich nicht. und das meine ich so. fühl mich sogar pudelwohl mit etwas dreck. ist mir zu aufgeräumt und sauber, alles so klinisch. deshalb mag ich wohl auch zürich nicht besonders. einfach zu sauber diese stadt. manchmal ekelt sie mich sogar an. das neue tanzhaus an der limmat. die perfekte repräsentation für diese stadt und dessen bewohner*innen. natürlich mag auch ich dreckige industrievororte nur bedingt. aber etwas dreckigere fassaden und leicht angestaubte wohnungen wie in bordeaux oder san sebastian? grandios. und wie wohl mir bei einem solchen anblick wird. hoffe das schlechte gefühl jetzt klingt etwas ab in ein paar stunden. noch sitzt der schuss von silvana tief in der wunde. müsste es bei der nächsten untervermietung besser machen. hatte ich ja noch nie, so eine ganze wohnung temporär untervermietet. wusste nicht was wichtig war und was nicht. nachhilflektionen im putzen? wie würde ich das hinkriegen? oder hätten wir uns vorher besser absprechen müssen? womöglich. aber vielleicht ist unter schweizer*innen dieser codex klarer. man teilt gemeinsame werte wie sauberkeit und pünktlichkeit. ich bin ja bekanntlich in beidem nicht der hirsch. sauber zu werden wäre vielleicht wie mit der pünktlichkeit: ich kriegs nicht gebacken. was auch immer ich versuche. bin etwas verloren hier. fühlt sich an wie eine sackgasse und werde nicht verstanden. bekomme nur immer auf die fresse in solchen situation.

machte dann einen kurzen abstecher nach biarritz. kurze busfahrt an die küste. ich suchte dann aber vergeblich dieses kleine café, wo ich 2017 mit den jungs bei der fahrradreise von bordeaux nach santiago eine pause machte. und letztes jahr beim roadtrippen durch südfrankreich und spanien mit marc, inés und susana. ein schöner ort. man spürt die weite des meeres. ein ständiges kleines lüftchen weht. und man kann die gedanken schweifen lassen. ich wollte den ort wiederfinden, aber hatte kein glück. musste dann zurück nach bayonne für den zug nach saint jean. bus knapp verpasst, den nächsten genommen und gemerkt dass es für den 14.30 zug nach saint jean nicht mehr reichte. und der nächste zug fuhr erst um 17.00 uhr. bin dann noch abendessen einkaufen gegangen und setzte mich an das café direkt vor dem bahnhof in bayonne. pinkeln zu gehen mit dem riesen gepäck am rücken ist gar nicht so optimal auf der strasse. entweder auf die leute vertrauen oder mitnehmen auf die toilette. draussen vor mir dann eine gemischte vierergruppe mit jakobsmuscheln an ihrem gepäck. sie scheinen sich auch hier am bahnhof gerade kennengelernt zu haben. der eine sieht aus wie der sänger von parcels. schnittiger schnauz und braune haare. trägt ein weisses tanktop und das kruzifix am hals. quasi die frommere version von parcels. neben mir ein junger franzose mit langen schwarzen haaren. cooler typ, dunkler fischerhut. wir kommen ins gespräch und auch er geht gleich los nach saint jean. victor heisst er. ich versuche mich mit französisch: martään. er hebt die augenbrauen. martään. ich versuche es auf englisch und er scheint es zu raffen. „ah bien sûre martään“, meint er nur. und spricht es genau gleich aus. ob ich undeutlich rede oder die nuancen dieser landessprache so unglaublich fein sind hat sich mir immer noch nicht gezeigt in bezug auf die aussprache meines namens, denn die situation war mir nicht zum ersten mal passiert.

viktor sass per zufall dann direkt neben mir im zug nach saint jean. auf dem weg zum bahnhof quatschte mich ein amerikanisches pärchen um die fünfzig an. kommen aus colorado. und in der schlange vor dem pilgerbüro schon wieder einer aus colorado. wo ist denn colorado überhaupt genau? auf jeden fall scheinen die das gefühl zu haben, ihre bergige heimat mache die startsituation hier in saint jean optimal. allzu sportlich scheinen sie aber nicht wirklich auszusehen. vor mir in der schlange steht der typ den ich schon auf der hinfahrt als die 2 meter version von luki bräm identifiziert habe, ein freund aus dem kindergarten in santiago de chile. glatze, voller schwarzer bart, tattoos auf den waden. „the last camino i did in 22 days. i don‘t know, i was a bit crazy.“ sagte er nur. klein scheint sein rucksack auf jeden fall zu sein. hat der überhaupt einen schlafsack dabei? vielleicht gönnt er sich nur hotels, da bräuchte man keinen. ich zweifle erneut an der idee, so viel mitnehmen zu wollen.

nach dem pilgerpass gings dann einfach mal los. 19.45 war schon und um 20.30 setzt ja schon die dämmerung ein. noch wusste ich nicht ob ich auf dem weg war. die idyllische brücke von saint jean liess ich rechts neben mir und hops gings hoch in den anstieg. eine knappe stunde oder mehr lief ich dann hoch bis ich ein plätzchen fand um mein zelt aufzustellen. in der anbrechenden dunkelheit dann das zelt montiert für die erste nacht draussen. was kleines gekocht. die schuhe sind definitiv noch nicht so richtig eingelaufen und das macht sich auf dem asphalt am meisten spürbar.

im schlafsack höre ich die hunde ums wettrennen bellen und dazwischen laute uhu geräusche. diese uhus sind etwa gleich laut und weit entfernt wie die hunde. duellerien sich uhus und hunde gerade in der pyrenäischen meisterschaft? morgen will ich um 6 auf und nach roncesvalles laufen. würde gerne meine kleider wechseln und eine erste handwäsche versuchen. hab aber keine waschseife dabei nur die zum duschen. gehts auch mit der? roncesvalles ist ausgebucht, aber wenn ich früh oben wäre dann könnte ich mir einen platz schnappen. bleibt die frage wie viele nachtpilger*innen in diesen tagen unterwegs sind. saint jean war schon viel los, es hatte viele menschen mit wanderkleidung und muschel. mal schauen wies morgen auf dem ersten vollen tag auf dem weg so aussieht. hab fast kein wasser mehr muss dann dringend auffüllen. heute kommts vielleicht gewittern, ich hab zur sicherheit alle schnüre runtergespannt.

schreibe fortan auch nur noch in kleinbuchstaben denn es schreibt sich leichter. nicht immer diese verflixte SHIFT taste suchen zu müssen bei jedem zweiten wort im deutschen.